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Blindflug in Wesel am 18.10.2014

MEIN ERLEBNIS IN DER LUFT

Hi, ich bin Jürgen und bin aufgrund einer degenerativen Netzhauterkrankung seit Jahren so blind wie ein Thunfisch in der Dose. Als ich zum 55. Geburtstag einen Tandemfallschirmsprung geschenkt bekam, musste ich in der Folgezeit lernen, mich auf dieses Erlebnis zu freuen. Nach und nach wich das Unbehagen weitgehend dem Kopfkino, dass sich mit vielen Fragen befasst hatte, wie zum Beispiel: Kostet es Überwindung, während des Fluges auszusteigen, oder wie fühlt sich der freie Fall an, der in meinen Vorstellungen rasch als Favorit hervorging.

Am 18/10/14 war es bei großartigen Wetter soweit: In Wesel am Rhein wartete ein sehr nettes Team auf die Sprunggäste. Ich erhielt einen Overall, dessen Geruch an Camping erinnerte, eine Kappe inkl. Schutzbrille und das Tandemsprunggeschirr, dass mir ein gut gelaunter Teammitarbeiter gewissenhat angelegt hatte. Ich erfuhr, dass der Tandemmaster während des Fluges hinter mir sitzt. Damit mich der Jumpmaster an den Riemen und Gurten sichern kann, muss ich rückwärts auf seinen Schoß rutschen.

Vor dem Ausstieg soll ich eine nach hinten gerichtete Bananenkrümmung einnehmen, wobei mein Kopf an einer Schulter des Tandemmasters angelehnt wird. Die Bananenhaltung wird auch während des freien Falls in Bauchlage beibehalten, wobei die Unterschenkel angewinkelt sind.

Der nach wie vor fröhliche und gleicher Maßen konzentrierte Teammitarbeiter klopfte mir mit den flachen Händen auf die Oberarme und erklärte, wenn du das beim freien fall spürst, signalisiert dir der Tandemmaster, dass beide nach vorne genommen werden können.

Ich fasste das Gehörte zusammen um sicher zu stellen, dass ich alles auf dem Schirm habe. Dann wurde ich von einer anderen freundlichen Stimme angesprochen: Hallo, ich bin der Erwin und werde mi dir gemeinsam springen. Freundschaftlich gab er mir die Hand und sagte, dass er über die Erfahrung von rund 11.000 Sprünge verfügt, wovon er ca. 100 Sprünge mit Blinde gemacht hat. Erwin fuhr fort: Sei einfach entspannt, dann werden wir einen tollen Sprung haben, den du genießen wirst. Dann führte er mich zum startbereiten Propellerflugzeug und beschrieb mir, wie ich reinklettern muss.

tandemsprung_blindflug

Drinnen warteten bereits der Pilot und ein Tandemmaster mit seinen Passagier. Natürlich war es in der kleinen Maschine recht eng; in der wir mit den Rücken zur Flugrichtung auf einen Teppich mit angewinkelten Beinen saßen, als die Maschine auf der Wiese beschleunigte, bevor sie leicht schwankend abhob und dann sicher und ruhig langsam an Höhe gewann.

Erwins Erfahrung mit blinden Passagieren kam mir zugute: Er schilderte die Startvorbereitung und ließ mich trotz des Lärms Minuten später wissen, dass wir inzwischen 1.200 Meter hoch sind und die Sprungvorbereitungen in wenigen Minuten beginnen. Als es soweit war, half er mir mit gekonnten Griffen in Die Schoßsitzposition, um fixierte unsere Tandemsprunggeschirre miteinander, wobei er jede Verbindung sehr sorgfältig prüfte.

Erwin erklärte mir das, was als nächstes geschieht. So war ich immer vorbereitet und erschrak auch dann nicht, als er mir die Augen mit einer eng ansitzenden Schutzbrille bedeckte, die übrigens sehr bequem saß, was Erwin ebenfalls sehr gewissenhaft überprüft hatte.

Ich spürte, wie sich Erwins Thorax hob und senkte, hob und senkte, hob und senkte und er zunehmend konzentriert und zugleich in sich gekehrt und angenehm entspannt wirkte. Wie hieß es noch vor einigen Minuten: Sei einfach entspannt, dann werden wir einen tollen Sprung haben, den du genießen wirst. So folgte ich seinem Beispiel, bevor Erwin die Öffnung des Ausstiegs ankündigte. Schon kam Wind auf. Ich hatte Mühe, die Beine gegen die beeindruckende Luftpower ins Freie zu bewegen, bis das sie entspannt aus dem Flieger baumelten.

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Kurz darauf spürte ich Erwins Hände an meinen Schultern, es war also an der Zeit, die Banane zu geben: Vorne keck konvex, hinten brav konkav, die Daumen in Brusthöhe unter die Geschirrbänder stecken, den Kopf nach hinten an die Schulter des Tandemmasters legen.

Dann leitete Erwin das Ende unseres Aufenthalts im Propellerflugzeug und den Beginn unserer letzten Wegstrecke ein: Wir saßen noch einen kurzen Augenblick mit herabbaumelnden Unterschenkeln an der Ausstiegskante und im nächsten Augenblick befanden wir uns im feien Fall.

Ich registrierte, dass das Brummen der Maschine enorm rasch verschwand, während dessen das sich in mir unangenehm ausbreitende Sturzgefühl eine Sekunde später dem Hochgefühl der Glückseligkeit wich, als wir immer schneller wurden und der Wind in den Ohren mächtig, ja sogar so mächtig wie ein riesiger Wasserfall toste.

Gleichzeitig spürte ich, wie Erwin mir das Kommando "Arme nach vorne" gab. Dabei hatte ich mir am Boden vorgenommen, selbst daran zu denken. Immerhin waren die Unterschenkel angewinkelt -­‐ wenigstens etwas. Sofort überließ ich mich wieder den völlig überwältigenden Eindrücken dieser kostbaren Momente mit Suchtpotential.

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Begleitet von dem enormen Brausen in den Ohren spürte ich, wie wir mit vor Kraft trotzender Geschwindigkeit die Luftmassen regelrecht durchschulgen. Eine auch nur annähernd vergleichbare Wucht hatte ich weder jemals so erlebt, noch in meinen Vorstellungen ausmalen können. Als wir meinem Eindruck nach leicht ins Trudeln gerieten wollte ich, dass unser Highspeedtrip trotzdem nicht so rasch endet.

Plötzlich, wie aus dem Nichts, ließen die Geschwindigkeit und das Tosen gleichzeitig nach. Wie konnte das geschehen? Ich spürte weder einen harten Stop, noch ein unangenehmes Rucken, irgend etwas sehr mächtiges hielt uns auf. Dann vibrierte es leicht, als wir aus der Bananenbauchlage in die Vertikale gelangten.

Es war für einen Augenblick so, als hätte jemand den Stecker gezogen: Kein Tosen mehr in den Ohren, kein Fall mit berauschender Geschwindigkeit und selbst die Kräfte des geöffneten Fallschirms, die mich kurz zuvor irritiert hatten, waren nun Geschichte.

Das galt jedoch auch für diesen kleinen Augenblick der unerwarteten Stille: Im Tandemgeschirr bequem sitzend, erweckte ein neues Geräusch, dass wie das Auslösen einer elektronischen Kamera klang meine Aufmerksamkeit, bevor mir Erwin die bevorstehenden Kurvenmannöver ankündigte und die Welt unter uns beschrieb.

Die Kurvenbewegungen lösten bei mir einen diskreten Drehschwindel aus, der jedoch nur von kurzer Dauer war, so dass ich Erwins Schilderungen aufmerksam folgen konnte. Ich staunte, als Erwin von mehreren Schiffen sprach, die er auf dem Rhein sah. Dann brachte er mir unseren Luftstandort nahe, in dem er als Orientierungshilfen einige Spots auf dem Flugplatz nannte.

Dann überraschte mich der sehr fürsorgliche Jumpmaster Erwin mit den Worten: Jetzt übernimmst du die Steuerung. Nachdem ich die Schlaufen der Lenkseile etwas oberhalb meiner Kopfhöhe sicher ergriffen hatte, forderte Erwin mich auf, den linken Arm nach unten zu ziehen. Etwas zögernd folgte ich seiner Aufforderung, worauf wir eine Linkskurve beschrieben. Kurze Zeit später wies mich meine professionelle Begleitung an, den Seilzug zurückzunehmen.

Als sich meine Hände in Parallelstellung befanden, sollte ich am rechten Lenkseil ziehen. Dieses Mal zog ich nicht mehr so vorsichtig, so dass die Richtungsänderung nach rechts zeitnah und gut wahrnehmbar erfolgte. Nachdem ich die Hände wieder höhengleich positioniert hatte, übernahm Erwin wieder die Steuerung und erklärte mir, was ich bei der Landung zu tun habe. Ach ja, die Landung, da habe ich noch gar nicht drüber nachgedacht.

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Während dessen er steuerte und das klicken der Kamera zu hören war, war ich einmal mehr von Erwins Eloquenz schwer beeindruckt: Erneut waren seine Anweisungen so klar verständlich, dass ich ohne nachzufragen top im Bilde war: Wenn ich sage Beine hoch, ziehst du die Knie an, wenn ich sage sitz, streckst du die Beine waagerecht.

Verrückt,der Mann schießt Fotos, kutschiert uns durch den Weseler Himmel und beschreibt mir nach bester Radioreportermanier die Umgebung und sämtliche bevorstehenden Schritte, die unseren Sprung anbetreffen: Von wegen, Männer können nur Monotasking!

Mit ruhiger Stimme sagte Erwin: Ich bremse jetzt. Es folgte eine kurze Pause. Beine hoch. Noch eine, jedoch kürzere Pause. Sitz, sprachst Du und dann saßen wir bereits auf den Hosenboden.

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Ich war verblüfft und konnte nicht glauben, dass wir bereits gelandet waren und dann auch noch weicher, als man sich auf einen Stuhl plumpsen lässt. Erst als ich meine Hände auf den Boden gelegt hatte und den Flugplatzrasen spürte, bestand kein Zweifel mehr: Wir waren gelandet. Schweigend verharrten wir für einige Sekunden auf den Boden, bevor sich der immer noch sehr rührige Erwin erkundigte, ob ich okay bin. Und ob ich okay bin, ich hoffe du auch.

Als Erwin unsere Fixierungen gelöst und mir aus dem Geschirr geholfen hatte, gab es eine freundschaftliche Umarmung.

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Erwin hat mir ein neues Fenster geöffnet, dessen Aussicht mein Leben um vieles bereichert hatte was für mich immer noch spürbar ist, wenn ich an die Ereignisse des 18. Oktober 2014 denke. Ein weiteres sehr sehr dickes Dankeschön an Erwin kommt von meiner Frau, die die 170 Digitalaufnahmen über den grünen Klee lobt, die er -­‐ wie auch immer -­‐ von meinen Blindflug geschossen hat.

Apropos Blindflug: Dank Erwin erhielt ich so viele tolle visuelle Informationen, dass ich mich in keinster Hinsicht benachteiligt fühle -­‐ mehr geht nicht, was auch jeder Thunfisch in der Dose bestätigen kann.

Quelle: Jürgen Borrman
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Presse My-SkyConcept